“Meistens höre ich einfach nur zu”

Vor zehn Jahren erkrankte Michaela Siebigs Sohn an Krebs. Heute schenkt sie Müttern und Vätern, deren Kinder krank geworden sind, neuen Mut – in der Elternarbeit der Deutsche Leukämie-Forschungshilfe. Ein Gespräch über Hoffnungen, Rückschläge und einen ganz besonderen Moment.

Interview: Agnes Polewka

 

Eltern krebskranker Kinder führen ein Leben jenseits ihrer Belastungsgrenzen. Was brauchen Mütter und Väter in dieser Extremsituation?  

Michaela Siebig: Eltern brauchen zunächst die Unterstützung Ihrer Familie. Ganz wichtig sind auch Auszeiten. Momente, um Kraft zu tanken. Was viele Eltern aber auch brauchen, ist ein offenes Ohr von jemandem, der das Gleiche erlebt hat wie sie. Sie brauchen jemanden, der ihnen zuhört und mit dem sie über Ängste sprechen können, über die man in der Familie nicht spricht. Hier komme ich ins Spiel. 

Welche Ängste sind das?  

Siebig: Die Angst um den Verlust des Kindes. Die Angst, finanzielle Probleme zu bekommen, weil man seinem Job oft nicht mehr nachkommen kann – weil man bei seinem Kind bleiben will oder auch psychisch nicht in der Lage ist.

Wie kann die Elternarbeit dabei helfen?

Siebig: Als betroffene Mutter weiß ich, wie sich die Angehörigen fühlen. In so einer Situation funktioniert man einfach. Man muss hilflos dabei zusehen, wie das Kind leidet, Schmerzen hat. Ich versuche meine Erfahrungen zu teilen und beschreibe wie wir es damals geschafft haben, mit dieser Situation umzugehen. 

Welche Angebote können Eltern in Mannheim in Anspruch nehmen?

Siebig: Wir haben verschiedene Möglichkeiten, Familien zu unterstützen. Einerseits finanziell, durch einen Sozialfonds. Denn es kommt nicht selten vor, dass Familien in dieser Ausnahmesituation in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Außerdem haben wir durch die Projekte unseres Vereins die Möglichkeit, etwas Abwechslung in den Klinikalltag zu bringen, zum Beispiel über Ausflüge oder unser Elternfrühstück, das zweimal im Monat stattfindet.

Beim Elternfrühstück kommen Mütter und Väter mit ähnlichen Sorgen zusammen. Ein Trauerspiel?

Siebig: Nein, das ist kein Trauerspiel! In erster Linie ist es mein Ziel, eine Gemeinschaft zwischen den Familien herzustellen. Alle haben die gleichen Sorgen, das verbindet. Und in dieser Gemeinschaft ist Platz für alle möglichen Gefühle, für Freude und Traurigkeit gleichermaßen.

Warum ist der Austausch unter Betroffenen so wichtig?

Siebig: Jeder macht in dieser Zeit seine eigenen Erfahrungen, die den anderen Familien helfen können.

Wie gelingt es Ihnen, Trost und Hoffnung zu spenden?

Siebig: Das ist nicht immer leicht, da ich meistens schon vorab weiß, wie es um die kleinen Patienten steht. Meistens höre ich einfach nur zu. Die Eltern sprechen dann darüber, was ihnen Angst macht, was sie fühlen, sprechen über das, was in den Familien selbst oft unausgesprochen bleibt. Und so reicht manchmal schon ein kurzer Spaziergang am Neckar und alles fühlt sich für einen Moment nicht mehr ganz so schwer an.

Gibt es Situationen, in denen Sie in der Elternarbeit an Ihre Grenzen gelangen? 

Siebig: Ja, die gibt es. Das sind Situationen, wenn ein Kind mit einem Rückfall wieder auf Station kommt. Oder wenn es stirbt. Letzteres kommt glücklicherweise nicht sehr oft vor. 

Warum machen Sie das, Eltern in dieser schwierigen Situation unterstützen?

Als unser Sohn krank wurde, hat mir das gefehlt. Einfach mit jemandem zu sprechen, der das ganze schon durchgemacht hat. Nun kann ich den Eltern erzählen, wie wir mit dieser Situation umgegangen sind. Das ist manchmal hilfreicher, als ein Gespräch mit einer geschulten Person.

Welche Gefühle begleiten Ihre Arbeit?

Siebig: Zu Beginn der Termine rund um die Elternarbeit kommen oft Gefühle an unsere eigene Zeit auf Station hoch. Die kann ich aber inzwischen recht schnell abschalten. Mich begleitet aber auch eine große Freude, zum Beispiel wenn ich von den Kindern auf der Station begrüßt werde oder die Eltern sich auf einen Plausch freuen.

Was gibt die Arbeit Ihnen zurück?

Siebig: Viele strahlende Augen, wenn auf der Station die Glocke läutet. Das bedeutet, dass der stationäre Aufenthalt beendet ist. Hier kann ich meine Gefühle oft nicht mehr zurückhalten und kämpfe mit den Tränen. In diesen Momenten liebe ich meine Arbeit.


Michaela Siebig (40) ist gelernte Kauffrau im Einzelhandel. Sie arbeitete seit 2011 zunächst ehrenamtlich, dann als Büro-Teilzeitkraft bei der Deutsche Leukämie-Forschungshilfe –Aktion für krebskranke Kinder– OV Mannheim e.V. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.