Zuhause – Das Elternhaus

Elfi Breiter leitet seit dreißig Jahren das Elternhaus der Deutsche Leukämie-Forschungs-Hilfe -Aktion für krebskranke Kinder- Ortsverband Mannheim e.V.

Geschrieben von Agnes Polewka

Zuhause – das kann ein Ort sein, ein Gebäude, ein Mensch oder viele. Immer aber ist es ein ganz bestimmtes Gefühl. „Zuhause fühlt man sich geborgen und umsorgt. Vor allem in schweren Zeiten ist das wichtig“, sagt Elfi Breiter.

Elfi „Elfriede“ Breiter hat in den vergangenen dreißig Jahren viele Spitznamen bekommen, „Mama Breiter“, „Liebelein“ und ähnliche. So lange leitet die 62-Jährige schon das Elternhaus der Deutsche Leukämie-Forschungs-Hilfe -Aktion für krebskranke Kinder- Ortsverband Mannheim e.V. Dort kommen zeitgleich neun Familien unter. Familien, deren Kinder sehr krank sind und die für eine spezielle Behandlung ans Uni-Klinikum nach Mannheim kommen. Weil sie Krebs haben. Oder schwere Verbrennungen. Lungen- oder Infektionskrankheiten.

„Man weiß meistens schon wie schlimm es ist, bevor die Menschen etwas sagen. Man sieht es an der Köperhaltung, hört es am Klang der Schritte“, erzählt Breiter. Manche Familien bleiben einige Tage, andere Monate, oder ein Jahr. „Im Aufenthaltsraum kommen die Eltern und Geschwisterkinder mit den anderen zusammen, sie sprechen miteinander, teilen ihr jeweiliges Schicksal.“ Breiters Blick wandert durch den hellen Raum, an den Holzmöbeln und dem langen Tisch vorbei, in den Garten.

Die zierliche Frau geht leise an der Küche vorbei, in den Flur, von dem zwei Zimmer abgehen. Sie zieht eine Schranktür auf. Hier reiht sich ein Ordner an den nächsten. Sie zieht einen heraus, blättert darin. „Es ist egal, welchen wir nehmen. So viele kranke Kinder.“ Breiter fährt mit den Fingern über die Seite. Ein Mädchen, kollabierte Lunge. Drei Monate war sie in der Klinik. Ein Junge, der Körper voller Brandmale. Ein Baby-Bauch, ein Säugling, angeschlossen ans Beatmungsgerät. Elfi Breiter seufzt. „Es ist nicht einfach, aber ich habe gelernt, damit umzugehen“, sagt sie und schließt den Ordner mit der Post, die ihr betroffene Familien geschickt haben – Erinnerungen an die Zeit bei Elfi Breiter.

Breiter kümmert sich darum, dass im Haus alles funktioniert. Heizung, Sanitäranlagen, dichte Fenster. Sie koordiniert die Zimmer, nimmt die Familien in Empfang und übernimmt den „Check-out“. Fast wie in einem Hotel. Nur dass man in einem Hotel niemandem zum Reden hat. Jemanden, an dessen Tür man um sieben Uhr morgens klopfen kann, um zu erzählen, was gestern in der Klinik passiert ist. Jemanden, der nachts beim Rauchen auf der Terrasse zuhört, den Schmerz versteht. „Diese Menschen dürfen traurig sein, mich macht ihre Geschichte auch traurig. Ich weiß, wie sich das anfühlt. Es ist nicht einfach, aber es ist okay.“ Bevor Elfi Breiter „Hausmutter“ wurde, erkrankte ihre Tochter an Lymphdrüsenkrebs.

„Dadurch bin ich zum Elternverein gekommen, dadurch hat sich auch meine Arbeit hier ergeben. Und dadurch wusste ich auch genau, was mich erwartet, als ich mit meinen Kindern in meine Wohnung hier im Haus eingezogen bin“, erinnert sie sich.

Sie blieb im Haus, als ihre Tochter wieder gesund wurde. Und auch, als ihre Tochter und deren Schwester schon längst erwachsen waren. Sie blieb, als ihre Enkelkinder zur Welt kamen. „Ich kann mir ein Leben ohne das Haus inzwischen gar nicht mehr vorstellen und will es auch gar nicht“, sagt sie.

Breiters eigenes Leben ist engmaschig mit dem Elternhaus verwoben. Ihre Eltern halfen beim Dachausbau. „Es hat damals gestürmt, geschneit und geregnet, das Dach war abgedeckt wegen des Ausbaus. Meine Eltern haben mit Eimern das Wasser abgeschöpft“, erzählt die gelernte Rechtsanwaltsfachangestellte. Ihr Vater hat das Gartenhäuschen zusammengezimmert. Und Breiter hat hier ihre Enkelkinder gehütet. „Bei uns war es schon immer normal, dass man sich um Menschen kümmert, die es nötig haben“, sagt sie.

Diese innere Überzeugung treibt Breiter an. Dies und ein ganz bestimmter Moment: wenn die Eltern erfahren, dass ihre Kinder gesund sind und nach Hause dürfen. Nach Hause, an einen bestimmten Ort, in ein Gebäude, zu einem Menschen oder vielen.

Elfriede Breiter
Elfriede Breiter (62) ist gelernte Rechtsanwaltsfachangestellte. Sie leitet seit dreißig Jahren das Elternhaus der Deutsche Leukämie-Forschungs-Hilfe -Aktion für krebskranke Kinder- Ortsverband Mannheim e.V. Vormittags arbeitet sie in einer Mannheimer Kanzlei. Sie ist gebürtige Mannheimerin und hat zwei Töchter.